2169 Tage Tobago-Paradies

Blog eines Deutschen jenseits der Verklärung…

Zugabteil

Erinnern Sie sich noch an früher, als die Züge der Bundesbahn keine Großraumwagen, sondern fast ausschließlich Abteile hatten, in denen sechs Personen Platz finden konnten? Ja, das waren noch Zeiten. Aber auch heute haben die modernen ICEs ja noch zu einem geringen Anteil diese geschlossenen Abteile, sodass ich mir beim Schreiben dieses Beitrags nicht vorkommen muss wie ein Urgroßvater, der von Kaiser Wilhelm erzählt.

Wenn man am Bahnhof in einen dieser Abteilwagen eingestiegen ist, dann sucht man ja nach einem freien Sitzplatz in einem dieser Abteile und/oder nach möglichst sympathischen Leuten, mit denen man die Reise zum Zielort auf engem Raum gemeinsam zurücklegen kann. Die Alternative, nämlich auf dem Gang zu stehen, ist hingegen für die meisten weniger attraktiv.

Allerdings muss man erst einmal in ein bereits teilweise besetztes Abteil hineingelassen werden. Das ist nicht immer einfach, denn die alteingesessenen Fahrgäste nehmen einen ja mitunter als Eindringling wahr, der ihnen Raum wegnimmt und möglicherweise die persönliche Freiheit beeinträchtigt. Manchmal ist es so, dass einem ein Fahrgast gerne die Schiebetür öffnen und dabei am liebsten ein Begrüßungspaket bestehend aus edlem Schinken und Rotwein überreichen würde, während ein anderer einen am liebsten gewaltsam von dem Vorhaben abbringen würde, sein Abteil zu betreten. Und dann sitzen da noch zwei Gleichgültige rum, denen es völlig egal ist, ob ich nun eintreten darf oder nicht.

So ähnlich ist es ja auch, wenn sich Flüchtlinge auf den Weg in eine neue Heimat begeben, in der sie sicher sind vor politischer und religiöser Verfolgung sowie vor Hungersnöten. Dabei denke ich jetzt nicht nur an syrische Bürgerkriegsflüchtlinge, sondern auch an Menschen, die vor einigen Jahrhunderten von Europa aus aufgrund genau dieser Gründe über den Atlantik nach Amerika geflohen sind, um dort The Greatest Nation on Earth zu gründen und zu gestalten.

Interessant wird es aber, die eigenen Gedanken zu analysieren, wenn man einen Platz im begehrten Zugabteil ergattert hat. Jetzt sind fünf der sechs Sitzplätze belegt – auf dem sechsten Sitz ruhen ganz bequem meine Füße. Ja, wer legt nicht schon mal gerne seine Füße auf den gegenüberliegenden Sitz und breitet sich so breit aus wie möglich? Wie verhalte ich mich nun selber, wenn ein soeben neu eingestiegener Fahrgast um Eintritt in mein Abteil bittet? Habe ich jetzt Angst, dass meine Beinfreiheit reduziert wird, oder sehe ich die Chance auf eine nette Bekanntschaft und eine interessante Unterhaltung?

Haben wir nicht alle schon einmal um Einlass in ein Zugabteil gebeten? Oder gibt es auch Menschen, die nicht mit der Bahn fahren oder grundsätzlich im Großraumwagen sitzen? Aber waren wir alle nicht schon einmal Flüchtling? Stammen wir nicht alle von Flüchtlingen ab, die vor politischer oder religiöser Verfolgung oder schlichtweg vor Hunger geflohen sind – auch wenn dies bereits einige Jahre zurückliegen mag?

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