Zeitungsbericht aus Tobago…

Vor einigen Jahren hat Robert Esser, Redakteur des Aachener Zeitungsverlages, verschiedene Unterkünfte über unsere Agentur gebucht und den folgenden Reisebericht geschrieben…

Tobago – das vergessene Paradies

Volltanken für zehn Euro, das Bier für einen Euro, traumhafte Palmenstrände, türkisblaues Meer, ganzjährig Sonne bei 30° Celsius – und kaum Touristen.

Gibt es nicht?
Falsch.

Exakt einmal pro Woche jettet ein deutscher Flieger Urlauber nach Tobago, die winzige Regenwald-Insel vor Trinidad. Hier sind die Motive der karibischen Postkarten-Idylle tatsächlich zu Hause.

Der Suzuki-Jeep wühlt sich mit allen Vieren durch den Schlamm. Stunde um Stunde. Links traumhafte Lagunen, rechts Regenwald. Das Auto innen so braun wie außen – nicht nur wegen der Karibik-Sonne. Der Morast trocknet sofort auf der Haut, klebt überall: am Lenkrad, auf den Sitzen, auf beiden Seiten der Windschutzscheibe. Winter auf Tobago, 30 Grad Celsius, Lichtschutzfaktor 15 empfohlen. Europäisches Schmuddelwetter und Großstadthektik sind neun Stunden entfernt. Runterschalten. Schnellstraßen kennt Tobago genauso wenig wie eine Promille-Grenze.

“Hat alles Vor- und Nachteile”, sagt Anthony. “Aber ihr schafft die Strecke schon, treffe euch am Pier.” Der Fischer hat umgesattelt, vermietet jetzt kleine Holzboote für Barbeque-Ausflüge und zum Schnorcheln. Telefonisch erklärt er den Weg zur Traumbucht. “Paradise Bay” will er uns zeigen, den schönsten Strand der Insel. Zwischen Parlatuvier und Charlotteville im Nordwesten des Winzlings, 55 Kilometer vor der Küste Venezuelas, schlängelt sich die rote dünne Linie auf der Landkarte zwischen den beiden Küsten-Örtchen. Der Suziki röhrt, dröhnt, scheppert – ein Riesen-Spaß. Zwölf Kilometer in zweieinhalb Stunden. Hilfe darf man nicht erwarten. Nicht, dass die Bewohner Tobagos nicht wollten, nur: Hier im Norden kommt einfach niemand vorbei. Touristen schon gar nicht. Nur eine Ladung deutsche Urlauber spuckt der Thomas-Cook-Jet pro Woche auf dem Flughafen von Crown Point im Süden aus. “Viel zu wenig”, sagt Anthony, “schlecht fürs Geschäft, aber gut für die Touristen.” Weniger als sechs Prozent seines Bruttosozialprodukts erwirtschaftet der Doppelstaat als Reiseland. Trinidad lebt vom Erdöl; von der Zahnbürste bis zum “Carib”-Bier produziert der Industriegigant alles, was die Karibik braucht. Die Schwesterinsel Tobago – komplett fabrikfrei – wird als Urlaubsziel kaum beworben. “Lohnt leider nicht”, schätzt Anthony. Rund 300.000 Besucher zählt das West-Indies-Juwel pro Jahr; zum Vergleich: Der Aachener Dom verbucht jährlich eine Million Gäste.

Von Crown Point sind es nur wenige Kilometer bis zum klassischen Traumstrand Pigeon Point. Saftig grüne Palmenblätter über goldenem Sand, urige Strohhütten auf Holzstegen im türkis-blauen Meer – und 18 “Titi” Eintritt. So heißt der Tobago & Trinidad Dollar (TT). Die filmreife Sunset-Kulisse, Hintergrund vieler Modestrecken in Hochglanzmagazinen, wird vermarktet – Souveniershops, Pommesbude und Jetski-Verleih inklusive. Ruhig und preiswert ist es auch hier trotzdem. Das eisgekühlte Bier kostet umgerechnet einen Euro. Am Strand verlaufen sich vor allem reiche Engländer aus wenigen Luxushotels in Lowland. Sie stellen den Hauptteil der Gäste – aus historischen Gründen. 31 Mal wechselte die Kolonialmacht seit 1625 zwischen Holländern, Portugiesen, Franzosen und Briten. Seit 1962 ist T & T unabhängiges Mitglied im Commenwealth. Amtssprache: Kreol-Englisch. Die Aussprache ist gewöhnungsbedürftig: Aus “Thank you” wird “tank you”, Hi ah di bass” bedeutet “Er ist der Boss”.

Boss Anthony wartet am Pier. Geschafft. “Pigeon Point ist schon hübsch”, untertreibt er. “Aber hier im Norden zeigt die Karibik ihr wahres Gesicht.” An der Küste entlang schippert sein Boot zwischen Pelikanen. Ab und zu ein Schnorchelstopp: Tauchen an Korallenriffen mit Riesenschildkröten und Dutzenden bunten Papageien-Fischen. “Willkommen in Paradise Bay” sagt er feierlich, als er das Ruder umlegt – und wir auf seinem Traumstrand landen. Weißer Pulversand, türkis-blaues Wasser, dahinter der tief-grüne Regenwald, der Tobago fast ganz bedeckt. Außer uns ist hier niemand, Karibik-Flair pur. Hier könnte man Tage verbringen, wenn Tobago nicht so viele attraktive Ziele hätte: die Wasserfälle mit Naturschwimmbecken, das Fort King George mit Leuchtturm und kleinem Tobago Heimatmuseum oberhalb Scarboroughs, die heiße Reggae-Party “Sunday School” mit den Steel-Drum-Viruosen in Buccoo zum Beispiel. Oder die anderen Buchten: Englishman’s Bay, No Man’s Land, Pirate’s Bay, Bloody Bay – eine schöner als die andere. Mobilität ist kein Problem: Benzin ist billig, genauso wie die niedlichen Restaurants und Bars in gelben, grünen oder blauen Holz oder Wellblech-Hütten abseits von Crown Point. Eine komplette Mahlzeit (Kingfish und Hühnchen) für zwei Personen inklusive Getränke kostet ca. 15 US-Dollar. Natürlich geht’s auch exquisiter: An der Rockly Bay sonnten sich schon in den 50er-Jahren die Helden der Schwarz-Weiß-Ära Hollywoods. Kein Zweifel: Tobago ist ein echtes Traumziel für das ganze Jahr. Der tägliche Regen schauert selten länger als fünf Minuten und zaubert fantastische Regenbögen an den Himmel. “Jetzt wisst ihr, warum Rita Hayworth und Robert Mitchum nach Tobago kamen.” Nur, warum der karibische Geheim-Tipp dann wieder vergessen wurde, bleibt offen.