Verliert oder findet man sich im Ausland?

Wo befindet sich mein Regenschirm? Ich weiß es nicht, denn ich habe ihn verloren! Dafür habe ich aber meine Socken wieder gefunden, die ich eine Woche lang vermisst hatte. So ist die Frage in der Überschrift aber gar nicht gemeint. Ich meine das Ganze etwas philosophischer, quasi im übertragenen Sinn. Man hört ja manchmal von zunächst hoffnungsvollen und euphorischen Auswanderern, die nach einiger Zeit in der Ferne dem Suff und den Drogen verfallen sind – oder ihr Vermögen auf Spielbanken, mit windigen Geschäften, durch eine unglückliche Lebenspartnerwahl oder aufgrund einer anderen menschlichen Schwäche verloren haben. In diesem Fall spricht man mitunter von einem Menschen, der sich in der Ferne verloren hat. Vor seiner Auswanderung hatte er einen inneren Kompass, er war Mitglied im Kirchenchor und Schützenverein, treuer Unterstützer seines Fußballvereins und ein angesehenes und beliebtes Mitglied der Ortsgemeinschaft. Doch nach seinem Entschluss in ein exotisches Land zu ziehen, hatte sich alles geändert. So oder ähnlich könnte es klingen.

Aber es gibt auch Siddhartha. Dies ist keine historische Person oder Figur der indischen Mythologie, sondern die Hauptfigur der gleichnamigen Erzählung von Hermann Hesse, die sich dieser im kalten Europa in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg ausgedacht hat. Ich habe jetzt keine Lust, die Geschichte dieses Buches ausufernd nachzuerzählen – ich schätze und liebe dieses Werk jedoch sehr, denn es handelt von einem Menschen, der sich auf einer langen Reise durch Indien schließlich selber findet.

Ja, auf der Reise des Lebens haben nicht nur Figuren der Literaturgeschichte so manche Untiefe zu überstehen, an der man entweder zugrunde gehen oder aber reifen kann. Wie meine Reise einmal ausgehen wird, das wissen nur die Götter. Manchmal mache ich mir aber Gedanken darüber, ob es mir gelingen mag, in der Ferne meinen inneren Kompass zu finden. Wer ein wenig in meinem Blog liest und sich über Tobago informiert, der könnte fast vermuten, man laufe Gefahr, sich auf Tobago zu einem trägen, schlitzohrigen, versoffenen und auf den Straßen rumrasenden Volldeppen zu entwickeln. Dieser Volldepp war ich vielleicht weil ich die Entscheidung getroffen hatte, nach Tobago auszuwandern mit dem Ziel, mich hier möglichst gut zu integrieren. Dieses Experiment betrachte ich als grundlegend gescheitert. Verloren habe ich mich dabei aber nicht. Schaue ich in den Spiegel, dann bin ich noch da! Aber träumt man nicht manchmal davon, einfach den Reset-Button zu drücken und noch mal von vorne anfangen zu können – ohne Geheimratsecken aber mit dem Wissen und den Erfahrungen von heute?

Komischerweise habe ich das Gefühl, dass ich jetzt wieder vieles von dem mache was ich bereits in jungen Jahren gemacht habe: Ich höre die Scorpions, besuche Spiele von Borussia Dortmund im Westfalenstadion, lache über Dieter Hallervorden, schaue Tennis im TV und jogge. Was sich geändert hat: Die Scorpions höre ich jetzt via Youtube und beim Classic Open Air, beim BVB stehe ich nicht mehr auf der Südtribüne sondern sitze zwei Blöcke daneben, Dieter Hallervorden genießt Anerkennung als Schauspieler, in Wimbledon spielt Roger Federer und anstatt durch einen nebligen Wald jogge ich jetzt bei 30 Grad an einem sonnigen Strand. Ansonsten konnte ich eine Liebe zu deutschsprachiger Literatur sowie europäischer Malerei entwickeln, die Zivilisationsstufe einer mitteleuropäischen Gesellschaft schätzen lernen und neue Freundschaften zu Menschen aus verschiedenen Kontinenten schließen. Meine besondere Wertschätzung gilt Jens Söring, der mir in vielerlei Hinsicht ein großes Vorbild ist. In Tobago hingegen bin ich vom Windschattenfahren auf den Straßen, trägen und bekifften Menschen, die den ehemaligen äthiopischen Diktator Haile Selassie als ihren menschgewordenen Gott verehren (und auch von deren Reggae-Musik) manchmal ein wenig genervt. Von korrupten Funktionsträgern wie Jack Warner möchte ich jetzt nicht reden – an anderer Stelle habe ich die vielleicht lustigsten Videos über den wohl berühmtesten Staatsbürger des Landes bereits gepostet…

Zum Glück habe ich durch Jack Warner den Komiker John Oliver kennen gelernt. Ja, nicht nur im Bereich von Komik und Satire sind Entwicklungen möglich…